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Die geheimnisvolle Marmorplatte
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Die geheimnisvolle Marmorplatte

6/9/09

Als der Architekt Vespignani 1838 im Bereich des Papstaltares Ausschachtungen durchführte, um die confessio der Basilika neu zu gestalten, stieß er auf Spuren dieser frühesten Anlage. Wie es scheint, ist das Grabmonument des hl. Paulus an drei Seiten von einem sehr alten Eisengitter umgeben. An der vierten Seite befinde sich eine Ziegelmauer im altrömischen opus reticulatum-Stil. Auf ihr liegt eine Marmorplatte, in die der Name Paulo eingraviert war. Sie wird ergänzt durch eine zweite Marmorplatte mit dem Rest der Inschrift: Apostolo Mart(yri) – „Apostel und Märtyrer“. Zusammen bilden sie noch heute den Boden des Grabaltars. Die Inschriften waren ein deutlicher Hinweis darauf, dass unter den Platten das historische Paulus-Grab liegen mußte. Die opus reticulatum–Mauer mit Ziegelverzahnung stammte zweifelsfrei au der Zeit vor dem 2. Jahrhundert und war offenbar Teil einer antiken Grabanlage. Also erhob sich der Papstaltar über einem Grab aus dem 1. Jahrhundert, das von den konstantinischen Architekten herausgehoben und durch ein Gitter umschlossen wurde. Auf einem grob gemauerten Unterbau befand sich eine Art Podest. Auf diesem Sockel, so spekulierte Kirschbaum schon 1957, muss einst der Sarg des Völkerapostels gestanden haben. Fast ein halbes Jahrhundert lang beließ man es bei dieser Spekulation, bis schließlich die wissenschaftliche Neugierde siegte.

Den Anlass bot das Heilige Jahr 2000, als auch St. Paul vor den Mauern seine Heilige Pforte geöffnet hatte und buchstäblich Millionen Pilger aus aller Welt in die Basilika strömten. Immer wieder wurden ihre Priester und das Ordnungspersonal mit zwei Fragen bedrängt, auf die bislang niemand eine zufriedenstellende Antwort geben konnte: Liegt denn der hl. Paulus tatsächlich unter dem Hochaltar begraben? Wenn man es nicht weiß – warum schaut man nicht einfach nach? Der Verwalter der Basilika, bis zum moto proprio Benedikts XVI. aus dem Jahre 2005 der vatikanische Administrator Erzbischof Francesco Gioia, musste etwas unternehmen, um mit konkreten Antworten aufwarten zu können. So wurde 2002 der Vatikan-Archäologe Giorgio Filippi mit archäologischen Untersuchungen beauftragt, die allerdings so dezent abzulaufen hatten, dass sie den Pilgerbetrieb in der Basilika nicht störten. Drei Jahre lang musste man es bei Stichproben belassen: Hier und dort wurde eine Marmorplatte aus dem Boden gehoben, kratzte man sich bis zu einem Meter in die Tiefe. Eine „Tastgrabung“ nennen das die Archäologen. Doch was man schon bei diesem vorsichtigen Herantasten entdeckte, war so spektakulär, dass es in vielen Punkten ein völlig neues Licht auf die Geschichte der Basilika wirft.

So zeigte sich durch Mauerfunde, die Überreste einer Apsis unmittelbar vor der heutigen confessio, dass die ursprüngliche, von Konstantin dem Großen errichtete, Paulus-Basilika nicht nur sehr klein, sondern zudem nach Westen ausgerichtet war. Die alte confessio war also im Osten des Apostelgrabes angelegt worden, damit die Pilger, die von der Via Ostiense aus die Kirche betraten, sie direkt erreichen konnten.

Doch nach nur sechs Jahrzehnten war schon ein Neubau nötig. Das Christentum war mittlerweile zur Staatsreligion erklärt worden, die alte Kirche platzte jetzt unter dem Ansturm der Pilger aus allen Nähten. Zudem hatte ihr die jährliche Tiberflut arg zugesetzt. So beauftragten das damals herrschende Triumvirat, die Kaiser Valentinian II., Theodosius und Arcadius, im Jahre 386 ihre Architekten damit, „das Gotteshaus zu erweitern“ und höher zu legen, um zu vermeiden, dass sie weiterhin jedes Frühjahr unter Wasser stand. Da im Osten ein Hügel im Wege war, konnte sie nur nach Westen hin ausgedehnt werden. Damit das Apostelgrab nicht im Eingangsbereich lag, wurde gleich die ganze Basilika um 180 Grad gedreht. Die Fläche der bisherigen konstantinischen Basilika wurde von den kaiserlichen Architekten zu einem großzügig gestalteten Altarraum umfunktioniert, während sie den Eingang um ganze 180 Meter nach Westen verlegten und damit einen gigantischen Innenraum schufen. Ganze zwölfhundert Jahre lang, bis zum Neubau des Petersdomes, war St. Paul vor den Mauern die größte Kirche der Christenheit. Nur die Lage der confessio, die man aus Respekt bis ins 19. Jahrhundert nie verlegte, zeugte noch von ihrem bescheidenen Vorgängerbau.

Nach nur vierjähriger Bauzeit war das Meisterwerk vollendet. Gnadenlos hatte man dazu die heidnischen Tempel Roms geplündert, die Theodosius zuvor schließen ließ. Ein Satz weißer Marmorsäulen mit violettblauen Adern stammte aus dem Mausoleum des Kaisers Hadrian, der heutigen Engelsburg. Doch auch Elemente der alten Basilika fanden eine neue Verwendung; darunter, wie es scheint, auch die beiden Marmorplatten mit den Aufschriften Paulo und Apostolo Mart(yri).

Neugierig?
www.paulusjahr.info

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